„Leute sollen Spaß am Sport haben“

Bitte keine Fußball-Verhältnisse im Football

Sportnews > Für Zwischendurch Veröffentlicht am Freitag, 01. Februar 2019

Quelle: Erik Jessie Photography

Hohe Ablösesummen und Spielertransfers nur wegen dem Geld? Bitte nicht! Diese Meinung vertritt Essam Shurbaji, Footballer bei den Mannheim Bandits.

Der deutsche Football wird immer beliebter. Einer der das genau weiß, ist Essam Shurbaji. Er ist verantwortlich für das Senior-Team der Mannheim Bandits. Die Baden-Württemberger spielten lange Zeit in den beiden höchsten deutschen Spielklassen, musste nach einem personell bedingten Neustart vor zwei Jahren allerdings wieder ganz unten in der Kreisliga anfangen. Nach zwei Aufstiegen in Folge, tritt das Team in der kommenden Saison in der Landesliga Baden-Württemberg an. Shurbaji ist stellvertretender Abteilungsleiter, verantwortlich für die erste Mannschaft, das Damenteam und selbst seit 15 Jahren aktiv.

Wir haben vor dem Super Bowl LIII mit ihm gesprochen. Dabei er erzählt uns wie er vom Football gekommen ist, was ihn an dem Sport so fasziniert und warum er sich keine Fußball-Verhältnisse im Football wünscht!

vereinsleben.de: Herr Shurbaji, was muss man denn überhaupt mitbringen, wenn man Football spielen möchte?

Shurbaji: Football – und das ist das Geile an dem Sport – ist für jedermann und jedefrau. Egal wie groß oder wie schwer oder wie dick oder wie leicht oder wie klein man ist. Man findet für jeden Mensch eine Position. Das ist das Besondere an Football. Was man zu einem Probetraining mitbringen sollte, sind eigentlich nur Sportklamotten und den Sport erstmal kennenzulernen. Man braucht keine Voraussetzungen und muss vorher nicht unbedingt sportlich aktiv sein. In Deutschland ist es immer noch ein Amateursport. Man kann bei null anfangen ohne sich Sorgen zu machen, ‚Komm ich da überhaupt mit oder bleibe ich hängen, weil ich das alles nicht verstehe‘. Man kann wirklich komplett bei null anfangen, sowohl sportlich als auch auf der Wissensebene. Man wird durch den Football komplett abgeholt.

vereinsleben.de: Sie sagen selbst, dass Football in Deutschland noch ein Amateursport ist. Wo liegen denn die größten Unterschiede zum Spiel in der NFL?

Shurbaji: Zum einen gibt es unterschiedliche Regeln. In Deutschland spielen wir nach den College-Regeln und nicht nach den NFL-Regeln. Einer der größten Unterschiede ist beispielsweise, dass wenn in der NFL jemand mit Ball ohne Kontakt zu Boden geht, darf er wieder aufstehen und weiter laufen. Laut College-Regeln und damit auch in Deutschland, gilt, dass sobald ein Körperteil außer der Hand oder dem Fuß den Boden berührt, der Spielzug beendet ist. Auch die Feldabzeichnungen sind ein wenig anders. Die Geschwindigkeit ist natürlich ebenfalls ganz anders. Die NFL-Spieler trainieren bis zu sechs Mal in der Woche, wir in Deutschland sind froh, wenn wir es zwei Mal schaffen, ausreichend Leute ins Training zu bekommen. Ein weiterer Unterschied ist die Menge der Zuschauer. Der German Bowl (Finale der Deutschen Football Liga, d.Red.) hatte letztes Jahr 16.000 Zuschauer. Das ist natürlich nur ein Bruchteil von den Fans die in der NFL zu den Spielen kommen. Die Popularität von Football in Deutschland ist einfach noch nicht so groß. Man merkt allerdings, dass der Sport in Deutschland immer beliebter wird, seitdem im Fernsehen so viele NFL-Spiele gezeigt werden. Während der NFL-freien Zeit kann man sich also auch mit der deutschen Liga auseinandersetzen und das eine oder andere Spiel verfolgen.

Essam Shurbaji (r.) ist bei den Mannheim Bandits hauptverantwortlich für die Seniors. Aber natürlich ist er auch selbst aktiv auf dem Rasen. (Bild: Erik Jessie Photography)

vereinsleben.de: Wie sind Sie denn eigentlich zum Football gekommen?

Shurbaji: Ich habe in Karlsruhe studiert und saß in der Mensa. Da kamen ein paar Spieler der Karlsruhe Engineers, der Uni-Football-Mannschaft und haben Flyer verteilt. Einer von ihnen sagte dann zu mir, ‚Hey, du siehst aus als würdest du Football spielen wollen. Komm doch einfach zum Probetraining‘. Da habe ich dann nicht lange drüber nachgedacht und bin einfach hingegangen. Jetzt bin ich seit 15 Jahren bei diesem Sport hängen geblieben und bin immer noch mit Herz und Seele dabei.

vereinsleben.de: Was fasziniert Sie so sehr an diesem Sport?

Shurbaji: Auf der einen Seite ist es das Abschalten des Alltags. Ich habe einen klassischen Bürojob in dem man vom einen Meeting ins andere Meeting rennt und immer schön freundlich reden muss. Wenn man abends ins Training kommt, kann man den Kopf einfach komplett abschalten. Durch die Energie, die in diesem Sport freigesetzt wird, kann man super runter kommen und sein Level finden. Das ist das eine. Zum zweiten ist, dadurch, dass wir nicht nur mit elf Leuten auf dem Platz stehen, sondern dass wir immer mit einem Defense- und einem Offense-Team und vielen Special-Teams auf dem Platz stehen, kann man mit teilweise 35 bis 50 Leuten zu einem Spiel fahren. Und da ist die Menge der Kontaktpunkte so groß, dass man immer jemanden findet, der die gleichen Interessen hat, man Freundschaften knüpft und Beziehungen zu seinen Teamkameraden aufbauen kann, die auch von langfristiger Dauer sind. Das ist das, was mich auf der sozialen Ebene bei dem Sport hält. Ansonsten ist das Spiel wie brutales Rasenschach. Man muss Kraft aufbringen, schnell und geschickt sein, taktisch denken können. Diese Kombination macht den Sport aus.

vereinsleben.de: Was würden Sie sich für den Football in Deutschland wünschen?

Shurbaji: Auf der einen Seite finde ich es gar nicht schlecht, dass es ein Amateursport ist. Dann fängt es nicht so an, dass man, wie im Fußball, Spieler von A nach B verkauft und viel Geld zu verlangt. Das gibt es im Football heute zwar auch bei bestimmten Mannschaften auf einer bestimmten Ebene, aber das wäre eine Sache, die ich gerne verhindern würde. Die Leute sollen Spaß am Sport haben und nicht direkt zu einem anderen Verein geht, weil der zwei, drei Euro mehr bieten kann. Auf der anderen Seite würde es mich freuen wenn an Spieltagen mehr Zuschauer kommen. Bei unseren Spielen im letzten Jahr waren immer zwischen 500 und 900 Leuten. Hier würde ich mir wünschen, dass wir irgendwann 3.000. 4.000 oder sogar 5.000 Zuschauer haben, um den Sport einfach auch präsentieren zu können. Schön wäre es, wenn die Initialwirkung des deutschen Footballs noch ein bisschen größer wäre. Man könnte ja beispielsweise auch mal ein Spiel der Deutschen Football Liga GFL im Fernsehen zeigen. Ich würde mir wünschen, dass der deutsche Football in den Medien noch bekannter wird.

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