Sportlich hui! Menschlich pfui!

Kommentar zur Löw-Entscheidung

Sportnews > Für Zwischendurch Veröffentlicht am Mittwoch, 06. März 2019

Quelle: picture alliance / Sven Simon

Die Weltmeister Mats Hummels, Jerome Boateng und Thomas Müller werden künftig nicht mehr für das DFB-Team auflaufen. Bundestrainer Joachim Löw teilte dem Bayern-Trio seine Entscheidung am Dienstagnachmittag mit und vollzog damit einen weiteren Schritt seines geplanten Umbruchs in der Nationalmannschaft. Wie aus dem Nichts erschütterte die Meldung die Sportwelt. Sportlich ist dieser radikale Schritt nachvollziehbar. Die Art und Weise wie die Ausbootung allerdings von Statten ging ist eines Weltmeister-Trios nicht einmal annähernd würdig. Ein Kommentar von vereinsleben.de-Redakteur Dominik Seel.

246 Länderspiele – so oft liefen Thomas Müller (100), Mats Hummels (70) und Jerome Boateng (76) mit dem Adler auf der Brust auf. Nun wird also kein weiterer Einsatz hinzukommen. Bundestrainer Jogi Löw verzichtet auf die sportlichen Qualitäten und Erfahrung der drei Bayern-Profis.

Manch einer mag sich nun fragen, welche sportlichen Qualitäten … Ohne Frage, alle drei zeigten in den vergangenen Jahren nicht mehr die Qualität, die sie einst vollkommen unabdingbar in der DFB-Mannschaft machten. Nachdem Hummels im Jahr 2016 zu den Bayern wechselte, war stellenweise die Rede vom besten Innenverteidiger-Duo der Welt. Während es sowohl beim FCB als auch in der Nationalmannschaft lange Zeit nur Boateng UND Hummels hieß, stellte sich speziell in ihrem Verein seit dieser Saison nur noch die Frage Boateng ODER Hummels. Ein gewisser Niklas Süle ist still und heimlich zum neuen Abwehrboss mutiert. Eine Position die dem 23-Jährigen nun wohl auch Bundestrainer Löw in der DFB-Zukunft zutraut. Und aus „Müller spielt immer“ ist längst schon „Müller spielt nimmer“ geworden. Sein Stammplatz bei den Bayern ist futsch.

All das sind Argumente, warum Löws harte Entscheidung aus sportlicher Sicht richtig und vor allem alternativlos ist. Junge Spieler wie Leroy Sane, Julian Brandt, Kai Havertz, Jonathan Tah oder der schon genannte Süle lechzen grade zu nach Einsätzen für die DFB-Elf. Dennoch kommt das radikale Vorgehen des Bundestrainers für viele überraschend. Es ist noch kein halbes Jahr her – es war der 10. Oktober 2018 – als Löw „seiner“ Bayern-Achse Lob hudeln ließ: „Es sind Topspieler. Das hat auch die Tatsache gezeigt, dass sie nach der WM einen sehr guten Start bei Bayern hatten. Es ist unglaublich wichtig, dass wir so eine Achse haben", gab Co-Trainer Marcus Sorg vor den Länderspielen gegen die Niederlande und Frankreich damals zu Protokoll. Heute, nicht einmal fünf Monate später, war das Aus dieser „unglaublich wichtigen Achse“ Löw und dem DFB lediglich eine lapidare Pressemitteilung wert. Frei nach dem Motto: Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern.

Art und Weise ist unwürdig

Es ist bezeichnend und traurig zugleich, dass nicht etwa der DFB das Aus der hochverdienten Müller, Hummels und Boateng zuerst bekannt gab, sondern die große Boulevardzeitung mit den vier Buchstaben. Auch die hastig und mit lieblosen Phrasen der Dankbarkeit gespickte Pressemitteilung des DFB, die übrigens erst eine Dreiviertelstunde nach dem Platzen der Bombe kam, machte die Situation alles nur nicht besser. Kein Wort beispielsweise von einer anstehenden Pressekonferenz oder von einem mehr als verdienten Abschiedsspiel.

Immerhin teilte Löw den Dreien seine Entscheidung persönlich mit. Es ist das mindeste was man erwarten kann und dennoch. Auch wenn das Gespräch mit Hummels angeblich ja lediglich rund fünf Minuten gedauert haben soll. Generell sollen die Unterredungen recht kühl verlaufen sein. So schreibt Boateng schreibt auf Instagram dass er zwar immer Dankbar für die Zeit in der Nationalmannschaft sei, sich aber einen anderen Abschied gewünscht hätte. Und vor allem auch verdient hätte!

Auch über den Zeitpunkt lässt sich diskutieren. Zwar gibt es hier keinen richtigen Zeitpunkt, sehr wohl aber gute und schlechte. Und Löw wählte einen denkbar schlechten! Die Bayern mit Hummels, Boateng und Müller kommen wieder so richtig in Fahrt. Im so wichtigen Hinspiel der UEFA Champions League gegen den FC Liverpool zeigte Hummels eine bärenstarke Leistung und auch Müller brillierte im Ligaspiel gegen Gladbach.

Mit Sicht auf das anstehende erneute Duell gegen Liverpool in einer Woche und dem aktuellen Lauf der Bayern in der Bundesliga scheint der gewählte Zeitpunkt äußert kurios. Die Verantwortlichen an der Säbener Straße dürften zu Recht alles andere als amüsiert sein.

Der neue, radikale Löw

Doch das alles interessiert die DFB-Granden scheinbar nicht. Es ist eine Art der Neuerfindung die Löw für sich selbst entdeckt hat. Nach der verkorksten WM 2018 in Russland forderten die Presse, der DFB und allen voran seine 80 Millionen „Bundestrainer-Kollegen“ aus der Bundesrepublik einen Neustart. Einen kompletten Umbruch. Für Löw, der sich lange Zeit so dankbar gegenüber verdienten Spielern zeigte, ein Schlag in die Magengrube. Er war mit seiner Philosophie aus Nächstenliebe und Dankbarkeit gescheitert.

In den Spielen der neu eingeführten UEFA Nations League wollte Löw dann beweisen, dass er auch Umbruch, dass er Neuaufbau kann. Die Auswirkungen waren allerdings eher semi-spürbar und mit dem Abstieg vor allem semi-erfolgreich.

Dennoch mahnte der DFB-Oberste, Präsident Reinhard Grindel Ende November an, Löw möge „den Umbruch konsequent fortsetzen.“ Ein Freifahrtschein von höchster Stelle sozusagen, für alle Entscheidungen die Löw trifft und den neusten Entwicklungen nach anscheinend noch treffen wird.

Mit seiner neuen, radikalen Herangehensweise darf sich kein Spieler mehr sicher fühlen. Egal wie verdient er auch sein mag – der „neue Löw“ zeigt die von so vielen geforderte Härte und traut sich auch etablierte Spieler zu rasieren.

Bleibt zu hoffen, dass der DFB wenigstens bei Neuer, Kroos & Co. wesentlich stilvoller agiert und das gewisse Quäntchen Fingerspitzengefühl beweist.

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