Der Mythos „Streif“

Ski-Legende Franz Klammer im Interview

Sportnews > Für Zwischendurch Veröffentlicht am Freitag, 18. Januar 2019

Quelle: Boris Streubel / Getty Images for Laureus

Am Samstag, 26. Januar, ist es wieder so weit: Das schwierigste und legendärste Ski-Rennen der Welt findet in Kitzbühel statt! Die Streif! Wir haben im Vorfeld mit dem vierfachen Abfahrts-Sieger Franz Klammer gesprochen.

Es ist Jahr für Jahr DAS Event für alle Ski-Alpin-Fans! Das Abfahrtsrennen auf dem Hahnenkamm in Kitzbühel – die Streif! Über 250 Millionen Menschen auf der ganzen Welt verfolgen das Rennen. Rund 40.000 bis 50.000 Zuschauer feuern die Athleten direkt an der Strecke an, darunter auch zahlreiche Prominente. Die Strecke selbst ist so gefährlich wie legendär! Abschnitte mit bis zu 85 Prozent Gefälle, Höchstgeschwindigkeiten von bis zu 140 km/h und Sprünge wortwörtlich ich Nichts! Immer wieder kommt es zu schweren Stürzen mit teils verheerenden Verletzungen. Ein Sprichwort besagt: Auf der Streif werden Helden geboren und Karrieren innerhalb von Sekunden beendet.

Einer, der auf der Streif zum Helden wurde, ist Franz Klammer. Der Österreicher gewann das schwierigste Rennen der Welt zwischen 1975 und 1984 gleich vier Mal, darunter drei Triumphe in Folge! Lange Zeit war er damit Rekordsieger des Hahenkammrennens. Bis heute ist er 25 Abfahrtssiegen mit fünf sowie dem fünfmaligen Gesamtsieg des Abfahrtweltcups der erfolgreichste Rennläufer in dieser Disziplin. Nach seinem Karriereende verfolgt er das Rennen natürlich weiterhin! Wir haben mit ihm gesprochen.

vereinsleben.de: Herr Klammer, fiebern Sie dem Rennen schon entgegen?

Klammer: Ja, natürlich. Das ist ja das wichtigste Event für die Skifahrer und auch für mich als Zuschauer ist es das Non plus Ultra im Winter.

vereinsleben.de: Was macht denn den Mythos „Streif“ aus?

Klammer: Die Streif ist einfach das schwierigste Rennen. Man braucht am meisten Mut. Es ist eine Herausforderung für den Läufer. Wenn man unten ist, ist man sehr erleichtert. Aber auch die ganze Atmosphäre und die Zuschauer. Das macht Kitzbühel schon sehr speziell.

Auch heute noch steht die österreichische Ski-Legende gerne noch auf den Brettern. Hier bei einem Charity Rennen in Kitzbühel. (Bild: Johannes Simon / Getty Images)

vereinsleben.de: Auch um das Rennen herum ist ja viel los. Zahlreiche Promis wie Arnold Schwarzenegger oder Nikki Lauda sind Stammgäste am Rennwochenende. Bekommt man als Sportler davon überhaupt etwas mit?

Klammer: Nein, als Sportler bekommt man da gar nichts mit. Da ist man so auf die Abfahrt und die Vorbereitung konzentriert, damit man das Rennen gut bewältigen kann. Nachdem ich aufgehört habe, habe ich das Ganze aber natürlich sehr genossen. Ich habe jetzt in der Renn-Woche ungefähr zwei Einladungen pro Tag wo ich hin gehen soll. Aber wahrscheinlich werde ich gar keine wahrnehmen, einfach nur ein bisschen Ski fahren, die Zeit in Kitzbühel genießen und das Rennen schauen.

vereinsleben.de: Bis zu 85 Prozent Gefälle und Höchstgeschwindigkeiten von 140 km/h auf der Strecke. Was gehen einem da für Gedanken durch den Kopf, wenn man im Starthäusschen steht und in den ersten Schuss hinunter schaut?

„Habe mir fast in die Hose gemacht“

Klammer: Wie ich das erste Mal da war, habe ich richtig Angst gehabt! Ich habe mir fast in die Hose gemacht. Ich habe gedacht, ‚Die haben doch alle einen Vogel, ich fahre da nicht runter, das kann ich nicht schaffen‘. Aber dann habe ich die anderen gesehen, die vor mir gefahren sind und gedacht ‚Naja, es geht doch‘. Und nach dem ersten Abtasten wurde die Streif zu meiner Lieblingsabfahrt. Meine Einstellung war immer: ‚Gott sei Dank jetzt darf ich fahren‘ und nicht ‚Oh je, jetzt muss ich fahren‘. In Kitzbühel  ist es so schwierig. Da musst du richtig attackieren und vor dem Ski sein. Man darf nicht passiv fahren. Wenn man immer aktiv fährt, ist man eigentlich sehr sicher unterwegs.

vereinsleben.de: Was sind denn die Schlüsselstellen der Strecke?

Klammer: Es geht ja gleich mal mit der Mausefalle los. Die ist eigentlich sehr markant. Da kommt man hin und sieht erstmal überhaupt nichts. Man weiß nicht wo es hin geht. Danach kommt eine Kompression nach links zur Einfahrt vom Steilhang. Der Abschnitt ist auch wieder extrem steil. Der Ausgang vom Steilhang ist für mich die schwierigste Kurve im gesamten Abfahrts-Weltcup! Sie hängt einfach weg, man muss die Ski so richtig laufen lassen und ganz nahe zu den Netzen kommen. Außerdem muss man darauf achten, dass man unbedingt die Geschwindigkeit für das lange Flachstück mitnimmt. Wenn ich es hier nicht schaffe, den Speed mitzunehmen, verliere ich eine Menge Zeit. Daher ist es für mich eine ganz wichtige Schlüsselstelle auf der Streif. Dann kommt man zur bekannten Seidelalm und von da aus in die Lerchenschusseinfahrt. Das ist ja eigentlich kein Schuss, sondern eine ziemlich lange Rechtskurve. Und die ist wieder ganz wichtig! Denn danach geht es sogar leicht bergauf zur Hausbergkante und wenn ich da wieder keine Geschwindigkeit mitnehme, habe ich ein Problem im Skisport. Ich habe ja keinen Motor. Ich muss also die Kurve erwischen. Danach hat man aber sehr viel Zeit um zu überlegen, wo es auf der Hausbergkante los geht. Denn ab da startet das Rennen praktisch nochmal neu. Man springt in eine Rechtskurve, dann über die Hausbergkante und siehst nicht wo es hin geht. Direkt nach der Landung muss man den Schwung nach links ansetzen. In der Traverse muss man den Ski halten, aber gleichzeitig auch versuchen den Ski laufen zu lassen. Die Oberschenkel brennen da natürlich schon etwas. Zum Schluss kommt noch der Zielsprung und dann in der Hocke ins Ziel.

Neben vier Streif-Siegen krönte sich Klammer 1976 bei den Olympischen Spielen in Innsbruck auch zum Olympiasieger in der Abfahrt. (Bild: AFP / Getty Images)

vereinsleben.de: Was ist denn ihre persönliche Lieblingsstelle der Strecke?

Klammer: Puh… Ich würde sagen, die Steilhangein- und Ausfahrt. Aber auch die Hausbergkante und die Traverse zum Schuss ins Ziel habe ich sehr gerne gehabt. Hier konnte ich meine Stärken am besten ausspielen.

vereinsleben.de: Vervollständigen Sie bitte folgenden Satz: „Dieses Gefühl wenn man heil über den Zielstrich fährt ist …“

Klammer: Befriedigung und Erleichterung.

vereinsleben.de: Die ewige Bestzeit hält ja immer noch Fritz Strobel aus dem Jahr 1997. Werden wir irgendwann wieder einen neuen Streckenrekord sehen?

Klammer: Ich glaube so schnell nicht. Die Piste ist etwas runder gesteckt und es geht mehr hin und her. Damals war der Schnee zusätzlich auch noch extrem schnell und hat diese Zeiten zugelassen.

vereinsleben.de: Mit vier Siegen sind sie der zweiterfolgreichste Athlet der Abfahrt. Bis 2012 hatte ihr Rekord bestand, bis ein gewisser Schweizer seinen fünften Triumph feiern konnte. Wie ist ihr Verhältnis zu Didier Cuche?

Klammer: Mein Verhältnis zu ihm ist sehr gut! Er ist ja prädestiniert für die Streif. Er ist ein kompakter Fahrer und das ist notwendig um auf der Streif zu gewinnen. Aber spaßeshalber sage ich immer: ‚Ich bin vier Mal von oben gefahren und er nur drei Mal und zwei Mal von der Mitte.‘ Also wir haben in etwa die gleiche Strecke zurückgelegt.

Als Mitglied der Academy der Laureus World Sports Awards ist Klammer regelmäßig auch auf den roten Teppichen des Sports zu finden. Hier in Begleitung seiner Tochter Stefanie. (Bild: Valery Hache / AFP / Getty Images)

„Habe die Schmerzen nicht mehr ausgehalten“

vereinsleben.de: Die Strecke hat sich im Laufe der Jahre kaum verändert. Ist es heute einfacher gesund unten anzukommen, als zu Ihrer Zeit?

Klammer: Die Sicherheitsvorkehrungen sind natürlich viel besser geworden, als zu meiner Zeit. Damals hatten wir Strohballen und Stafetten-Zäune. Jetzt ist das alles mit Netzen abgesichert. Aber es ist nach wie vor gefährlich! Wenn man den Ski verkantet und durch den Kunstschnee heizt, ist man nur noch Passagier. Bei uns hat man Fehler noch korrigieren können. Ich würde sagen, es ist genauso gefährlich wie es immer war.

vereinsleben.de: Was war denn Ihr spannendstes Erlebnis?

Klammer: 1975, wie ich das erste Mal gewonnen habe, bin ich am Vortag gestürzt und habe mir eine offene Wunde am rechten Schienbein zugezogen. Beim Rennen habe ich den Schmerz dann nicht mehr ausgehalten, da ich mir keine Spritzen habe geben lassen. Die vier Rennen zuvor hatte ich alle schon gewonnen und fünf Rennen in Folge gewannen bis dahin nur Jean-Claude Killy und Roland Collombin. Also musste ich in Kitzbühel auch gewinnen. In der Linkskurve auf der Hausbergkante habe ich den Schmerz dann nicht mehr ausgehalten und bin ganz unten am Zaun entlang. Nur mit Mühe und Not habe ich damals das Tor noch erwischt. Tatsächlich konnte ich das Rennen dann gewinnen, allerdings nur mit einer Hundertstel-Sekunde Vorsprung. Das war für mich sowohl eine Schreck- aber auch Glückssekunde.

vereinsleben.de: Unser deutscher Vorjahressieger Thomas Dressen kann aufgrund eines Kreuzbandrisses in einer Woche nicht teilnehmen. Wer ist denn Ihr Favorit am Samstag?

Klammer: Mein Favorit ist Dominik Paris. Er hat sehr viel Selbstvertrauen von Bormio mitgebracht und in Kitzbühel hat er ja auch schon zwei Mal gewonnen. Er weiß also wie man hier fahren muss. Aber auch unseren Matthias Mayer schätze ich sehr stark ein. In den letzten Rennen war er endlich mal wieder schnell. Ich glaube er kann zumindest vorne mitfahren. Ob Aksel Lund Svindal mit seinen Knieproblemen eine Chance auf den Sieg hat, da bin ich mir nicht sicher. Ich glaube eher nicht.

vereinsleben.de: Live vor Ort oder gemütlich vor dem Fernseher? Was würden Sie empfehlen?

Klammer: Kitzbühel hat eine so großartige Atmosphäre, das muss man einfach mal gesehen haben. Am Fernsehen sieht man die Steilheit der Strecke ja gar nicht so. Im Fernsehen kann man das Rennen zwar besser schauen, aber trotzdem muss man einmal live vor Ort gewesen sein. Die Atmosphäre am Start, auf der Mausefalle zu stehen und die Skifahrer in die Tiefe stürzen zu sehen. Es zahlt sich auf jeden Fall aus, das mal live vor Ort anzuschauen. Ich kann es nur jedem empfehlen!

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