„Geht darum ob jemand Leistung bringt“

Löwen-Geschäftsführerin Jennifer Kettemann im Interview

Sportnews > Für Zwischendurch Veröffentlicht am Freitag, 08. März 2019

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Seit 2016 kümmert sich Jennifer Kettemann als Geschäftsführerin um die Belange der Rhein-Neckar Löwen. Im Interview zum Weltfrauentag erzählt sie, wie sie in die Position kam, wie es sich anfühlt als einzige Frau in der Männerdomäne Handball zu arbeiten und wie sie den Spagat zwischen Job und Familie bewältigt.

Sie ist die „Königin der Löwen“! Als Geschäftsführerin des Handball-Spitzenteams Rhein-Neckar Löwen kümmert sich Jennifer Kettemann nun bereits seit rund drei Jahren u.a. um die Bereiche Finanzen, Sponsoring und Merchandising. In der Handball-Welt ist die 36-Jährige die einzige Frau in einer Führungsposition. Dabei kommt sie als Quereinsteigerin nicht einmal aus dem Sport, sondern aus der Wirtschaft. Doch davon ließ sich die zweifache Mutter in ihrem neuen Berufsfeld nicht beeindrucken.

Zum Weltfrauentag hat unser Redakteur Dominik Seel mit ihr gesprochen, wie sie ihre Anfangszeit in der von Männern dominierten Handballwelt erlebt hat, ob sie mit Vorurteilen zu kämpfen hatte und wie sie ihren Alltag zwischen Beruf und Familie meistert.

vereinsleben.de: Jennifer, Sie sind seit 2016 Geschäftsführerin bei den Rhein-Neckar-Löwen. Wie kam das damals zustande?

Kettemann: Das war eine aufregende Zeit. Ich wurde damals während eines Telefonates mit dem ehemaligen Geschäftsführer und dem HR Vorstand, Stefan Ries, gefragt, ob sie meinen Namen in die Runde werfen dürfen in Bezug auf die Suche nach einem Nachfolger von Lars Lamadé. In diesem Moment habe ich allerdings erst einmal abgesagt, weil ich dachte, ich wäre dieser Herausforderung nicht gewachsen. Ich habe zwei kleine Kinder zu Hause und komme nicht aus dem Sportbereich. Ich habe zwar einen verantwortungsbewussten Job bei SAP gehabt, wo ich 10 Jahre gearbeitet habe, aber sah mich zunächst nicht in dieser Position. Daraufhin haben die beiden Herren zu mir gesagt, sie würden es mir definitiv zutrauen. Ich solle mir noch einmal Gedanken machen und so etwas nicht direkt absagen. Deshalb habe sehr akribisch die Aufgaben eines Geschäftsführers analysiert und viele Gespräche geführt. Letztendlich bin ich zu dem Entschluss gekommen, dass vieles meinen Stärken entspricht und Dinge, bei denen ich mir unsicher war, aneignen bzw. mit Hilfe von anderen Leuten im Club bewältigen und abdecken kann. Und dann hatte ich Lust diese Herausforderung anzunehmen.

vereinsleben.de: Hat bei Ihren Überlegungen denn auch die Tatsache, dass Sie sich als Frau in einer Männerdomäne etablieren müssen, eine Rolle gespielt?

Kettemann: Ehrlich gesagt, überhaupt nicht. Ich finde die Aufgabe an sich ist eine große Herausforderung und auch Verantwortung. Aber dasselbe gilt auch für einen Mann. Natürlich muss ich vielleicht ein bisschen mehr darauf Achten, dass ich das private Umfeld mit dem Job unter einen Hut bringe. Aber dass das eine Männerdomäne ist, hat keinen Einfluss auf meine Entscheidung gehabt.

vereinsleben.de: Sie haben eben schon angedeutet, dass Sie mit Handball vorher nicht viel zu tun. Wie lange und steinig war der Weg bis Ihre Kollegen und auch Vertreter aus der Liga und anderen Vereinen Sie als Handballexpertin anerkannt haben? Oder gab es da keine Probleme für Sie?

Als Geschäftsführerin war Kettemann im Januar maßgeblich an der Rückkehr von Superstar Uwe Gensheimer beteiligt. (Bild: picture alliance/ZUMA Press)

Kettemann: Da gab es eigentlich keine Probleme. Bei meinem Einstieg hatte ich gute Kollegen in der Geschäftsstelle, die mich schnell fit gemacht haben. Ich selbst bin auch sehr gründlich in der Vorbereitung von Terminen. Habe in verschiedenen Briefings die entsprechenden Informationen von meinen Mitarbeitern erhalten. Ich bin bei Ligatagungen oder ähnliches mit offenen Armen empfangen worden. Und letztendlich geht es darum, ob jemand die Leistung bringt, die erwartet wird. Das musste ich zwar beweisen, aber das müssen andere natürlich auch.

vereinsleben.de: Also gab es auch keinerlei irritierte Blicke, dass nun auf einmal eine Frau im Raum steht?

Kettemann: Nein, das hatte schon vorher jeder aus der Presse mitbekommen. Natürlich ist es zunächst etwas Besonderes. Man wird vielleicht kritischer beäugt, aber bei mir persönlich gab es absolut keine Probleme. Ganz im Gegenteil, ich arbeite sehr gerne mit den Kollegen aus der Liga zusammen. Mir macht die Arbeit Spaß und ich fühle mich wohl in diesem Umfeld.

vereinsleben.de: Ist es für Sie denn schwer Ihre Meinung oder Ihren Standpunkt zu vertreten?

Kettemann: Absolut nicht. Das ist auch für einen Mann eine Herausforderung, wenn man vor einer Gruppe von 50 oder 100 Menschen aufsteht und seine Meinung vertritt. Das würde ich nicht am Geschlecht fest machen.

vereinsleben.de: Mit Oliver Roggisch haben Sie einen Kollegen der der Inbegriff von Männlichkeit ist – groß, stark, muskulös, bärtig. Wie kommen Sie beide miteinander aus?

Kettemann: Wir kommen ideal miteinander aus. Ich schätze Oliver auch sehr, weil er unseren Verein großartig nach außen hin repräsentiert, er unseren Kader optimal zusammenstellt und er im sportlichen Bereich alles unter Kontrolle hat. Ich mache dies nicht an seinem maskulinen Auftreten fest. Wir kommen super miteinander klar, weil wir uns gut ergänzen, was unsere Fähigkeiten angeht. Er hat z.B. ein großes Netzwerk im Handball. Wir zusammen bringen die Löwen sehr gut voran.

Starkes Team hinter dem Team: Geschäftsführerin Jennifer Kettemann und der sportliche Leiter Oliver Roggisch gewannen mit den Rhein-Neckar Löwen 2017 die Deutsche Meisterschaft. (Bild: picture alliance / Uwe Anspach/dpa)

vereinsleben.de: Wie fühlen Sie sich generell in der Männerdomäne Handball?

Kettemann: Sehr gut, wie bereits erwähnt, macht es mir viel Spaß in diesem Umfeld zu arbeiten. Mir persönlich fällt es gar nicht auf, dass ich oft die einzige Frau bin. Für mich ist das auch kein relevanter Punkt. Es geht um die Themen, die wir diskutieren, dass wir den Sport Handball weiter voran bringen. Es geht nicht um das Geschlecht. Deshalb geht es mir auch gut, ich fühle mich wohl.

vereinsleben.de: Sie sind neben Ihrem Beruf auch noch Mutter von zwei Kindern, wie gelingt Ihnen der Spagat zwischen Job und Familie?

Kettemann: Das ist natürlich täglich eine Herausforderung bzw. ein Organisationsaufwand. Ich habe zum Glück die Unterstützung meiner Familie. Die Großeltern vertreten mich bei Abendterminen, bringen die Kinder ins Bett und bleiben bis ich wieder zu Hause bin. Aber so geht es ganz vielen anderen berufstätigen Eltern auch. Es ist allgemein als Eltern nicht immer planbar. Im Großteil funktioniert dies bei uns sehr gut, wenn allerdings einer der beiden Jungs krank ist, wird der Plan über den Haufen geworfen. Da gilt es dann zu improvisieren.

vereinsleben.de: Haben Sie einen Tipp oder gibt es ein Erfolgsrezept für Frauen in Männerberufen oder im Profisport?

Kettemann: So pauschal kann man das gar nicht sagen. Das kommt immer auf die Persönlichkeit an. Generell würde ich mir wünschen, dass es mehr mutigere Frauen gibt. Welche solche Herausforderungen annehmen und trotzdem Mutter sein können und wollen. Vielleicht auch mal bei einem Vorstellungsgespräche selbstbewusst zu sagen, dass Vollzeit nicht in Frage kommt wegen der Kinder und man dennoch einen verantwortungsvollen Job haben will.

Von Berührungsängsten keine Spur! Jennifer Kettemann und Löwen-Star Patrick Groetzki feiern gemeinsam. (Bild: picture alliance/Uwe Anspach/dpa)

vereinsleben.de: Ist der Weltfrauentag für Sie eigentlich etwas besonders, als Frau in einer Führungsposition?

Kettemann: Ehrlich gesagt nicht. Ich hab auch nur kurz im Radio gehört, wann dieser Tag überhaupt ist. Aber er hat für mich keine besondere Bedeutung. Ich persönlich würde mir viel mehr wünschen, dass solche Themen, wie der Weltfrauentag oder Frauen in Männerdomänen, gar nicht mehr angesprochen werden müsste. Dass so etwas ganz normal wäre, das wäre mein Wunsch.

vereinsleben.de: Schauen wir noch kurz auf das Sportliche. Für sie und die Rhein-Neckar Löwen steht ja die heiße Phase an …

Kettemann: Ja genau, in der Bundesliga ist es immer noch spannend. Aber vor Allem haben wir uns gerade in der Champions-League für das Achtelfinale qualifiziert. Am 20. März spielen wir um 19:00 Uhr in der SAP-Arena gegen HBC Nantes, eine französische Mannschaft. Wir freuen uns sehr darauf und auch wenn noch einige Zuschauer in die SAP-Arena kommen, um die Mannschaft anzufeuern.

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