Zehnkampf-Weltmeister Niklas Kaul im Interview: „Ich will kein Olympia-Tourist sein“

Zehnkampf-Weltmeister Niklas Kaul im Interview

Sportnews > Für Zwischendurch Veröffentlicht am Freitag, 17. Januar 2020

Quelle: picture alliance / Eibner-Pressefoto

Zehnkampf-Weltmeister Niklas Kaul spricht im Interview über seine Ziele bei den Olympischen Spielen in Tokio, seine Saisonvorbereitung und darüber, was der angehende Lehrer in der Schule selbst schrecklich fand.

Niklas Kaul ist einer der gefragtesten deutschen Sportler der letzten Monate. Nach seinem sensationellen WM-Triumph im vergangenen Jahr in Doha, hetzt der jüngste Zehnkampf-Weltmeister aller Zeiten von Preisverleihung zu Preisverleihung. Nun wurde der 21-jährige Mainzer zum „Sportler des Jahres“ in Rheinland-Pfalz gewählt und ebenfalls zum „Leichtathlet des Jahres“ durch das Fachmagazin „Leichtathletik“.

vereinsleben.de: Niklas, erstmal herzlichen Glückwunsch zu den nächsten beiden Auszeichnungen!

Niklas Kaul: Danke schön!

vereinsleben.de: Nach all den Auszeichnungen, die du nun schon bekommen hast. Mal ganz ehrlich: Hast du jetzt schon ein wenig damit gerechnet?

Niklas Kaul: Nein, gerechnet habe ich damit nicht wirklich. Natürlich hofft man darauf und freut sich auch, wenn man in seinem Heimatbundesland und unter den Leichtathleten auch noch ausgezeichnet wird. Es ist jedes Mal aufs Neue etwas, worüber man sich freuen kann. Ich bin da jetzt aber nicht mit Erwartungen ran gegangen, dass ich gewinnen muss. Ich finde es sowieso schwierig, eine Vergleichbarkeit zwischen anderen Sportarten und der Leichtathletik herzustellen. Wenn man sich anschaut, wer da aus anderen Sportarten noch nominiert ist, sieht man, dass auch die anderen Sportler sehr viel erreicht haben. Wie zum Beispiel Pascal Ackermann im Radsport im letzten Jahr. Von daher freut es mich wirklich jedes Mal aufs Neue.

vereinsleben.de: Ist es für dich dann etwas ganz Besonderes „Leichtathlet des Jahres“ zu werden? Und das auch noch mit 75 Prozent aller Stimmen?

Niklas Kaul: Ja, auf jeden Fall! Das sind eben alles Dinge, die ich nicht beeinflussen kann. Mich freut es natürlich, wenn die Leichtathleten mich zu ihrem Leichtathleten des Jahres wählen. Es ist erstmal eine Anerkennung für die Leistung. Aber auf der anderen Seite bedeutet es ja auch, dass ich wohl nicht ganz so unsympathisch rübergekommen bin während des Wettkampfs. Sonst kann man noch so gute Leistungen erbringen, dann wählt dich niemand. Von daher ist es doppelt schön.

 „Natürlich Olympia-Gold“

vereinsleben.de: Das Highlight deiner nächsten Saison sind die Olympischen  Spiele in Tokio im Ende Juli. Wie sieht dein Fahrplan bis dahin aus?

Niklas Kaul: Wir werden Ende Februar für drei Wochen nach Südafrika ins Trainingslager fahren. Danach bin ich im April nochmal für zwei Wochen zum Trainieren in der Türkei. Dann geht die Saison auch schon los. Derzeit dreht sich alles um den ersten großen Zehnkampf in Götzis. Der bleibt hoffentlich mein einziger Zehnkampf vor den Olympischen Spielen und ich mich da schon final für Tokio qualifizieren kann. Danach ist der Blick natürlich auf die Olympischen Spiele gerichtet. 

Ein Moment für die Ewigkeit. Der 21-jährige Zehnkämpfer realisiert seinen sensationellen WM-Triumph in Doha! (Bild: picture alliance / Perenyi)

vereinsleben.de: Wie sieht dein Saison-Ziel aus? Außer natürlich Olympia-Gold …

Niklas Kaul (lacht): Natürlich Olympia-Gold! Alles darunter wäre ich unzufrieden. Nein, natürlich nicht. Was Platzierungen betrifft, kann ich noch kein Ziel ausgeben. Ich weiß nicht, wie es bei der Konkurrenz aussieht und wie gut die drauf sind. Am Ende kann ich mit 8.600 Punkten gewinnen, ich kann aber auch mit 8.600 Punkten nur Vierter werden. Es kann alles passieren. Von daher muss ich mich erstmal auf mich konzentrieren und die nächsten Monate gut durch die Vorbereitung kommen. Im April oder Mai kann ich dann anfangen mir ein Punkte-Ziel zu setzen. Aber vorher macht es einfach keinen Sinn, weil einfach noch zu viel passieren kann.

vereinsleben.de: Konzentrierst du dich im Training eher auf deine schwächeren Disziplinen wie Sprint oder legst du den Fokus auf die Stärken um da die letzten Prozentpunkte noch raus zu quetschen?

Niklas Kaul: Ich kann nicht sagen, dass ich nur die Schwächen oder nur die Stärken trainiere. Wir haben nahezu identisch weiter gemacht wie in der Vorbereitung auf die WM im letzten Jahr. Wir wollen jede Disziplin Minimum einmal in der Woche trainieren. Wir haben einfach beschlossen, dass wir ein Jahr vor den Olympischen Spielen keine Experimente machen wollen. Experimente können wir danach machen, dann haben wir Zeit. Aber jetzt ist die Vorbereitung relativ kurz aufgrund der späten WM. Damit geht es wirklich darum wie bisher weiter zu machen und keine Experimente zu wagen.

vereinsleben.de: Lass uns Richtung Tokio blicken. Du zählst zu den absoluten Top-Favoriten. Zählst du dich selbst auch dazu?

Niklas Kaul: Wenn ich fit und in einer guten Form bin, werde ich nach Tokio fahren, um eine sehr gute Platzierung zu machen. Ich will nicht als „Olympia-Tourist“ hinfahren. Das ist mein eigener Anspruch. Was von außen an mich herangetragen wird, ist mir erstmal relativ egal. Von außen kann man einfach nicht sehen, wie geht es dem Athleten, wie lief die Vorbereitung, hat er in manchen Disziplinen sogar technische Probleme … Von daher glaube ich, dass ich die Rolle des Mitfavoriten für mich ablegen und selbst ein Ziel definieren muss. Das werde ich noch früh genug machen. Wenn ich das Ziel dann am Ende erreiche, kann ich sehr zufrieden sein. Auch wenn es dann vielleicht nicht das Ziel ist, das sich die Öffentlichkeit vorstellt.

vereinsleben.de: Du willst zwar nicht als „Olympia-Tourist“ nach Tokio, aber abseits des Zehnkampfs gibt es dort bestimmt viel zu erleben …

Niklas Kaul: Das auf jeden Fall! Ich werde nach dem Wettkampf auch alles mitnehmen und Eindrücke sammeln, was irgendwie geht. Aber am Ende geht es darum, einen guten Wettkampf abzuliefern. Dem wird alles untergeordnet. Danach kann man aber definitiv seinen Spaß haben und die freie Zeit genießen.

vereinsleben.de: Als jüngster Zehnkampf-Weltmeister aller Zeiten, warst und bist du in der letzten Zeit eine sehr gefragte Person. Ist das für dich eine Chance den Zehnkampf nachhaltig in das Interesse der Öffentlichkeit zu rücken?

Niklas Kaul: Es wäre natürlich schön, wenn das so funktionieren würde. Wenn man dadurch den Kindern und Jugendlichen den Sport, die Leichtathletik und speziell natürlich den Zehnkampf näher bringen kann. Da würde ich mich sehr drüber freuen. Natürlich kann ich aber schwer sagen, was für eine Wirkung ich nach außen habe. Ich hoffe, dass es eine positive ist und ich dadurch der Leichtathletik weiterhelfen kann.

„Das fand schrecklich“

vereinsleben.de: Lass uns auf den Mensch Niklas Kaul schauen. Ist der gut durch den Winter gekommen?

Niklas Kaul: Ja, soweit schon. Natürlich war es durch die vielen Termine, das Training und die Uni sehr stressig. Aber an sich bin ich gut durch den Winter gekommen, ohne größere Krankheiten oder ähnliches. Klar, eine Erkältung war dabei, aber die hat ja jeder. Von daher alles bestens und ich freue mich, wenn die Tage jetzt wieder ein bisschen länger werden und es irgendwann wieder wärmer wird. Auch, wenn es ja wirklich ein sehr milder Winter war.

vereinsleben.de: Du studierst auf Lehramt in Mainz. Wann heißt es „Guten Mooooorgen, Herr Kaul“?

Niklas Kaul (lacht): Das werde ich in meiner Klasse erstmal direkt abschaffen! Das fand ich als Schüler schon schrecklich. Aber das wird noch dauern. Für den Bachelor werde ich noch etwa drei, vier Semester brauchen. Dann kommen ja noch der Master und das Referendariat. Das werde ich während meiner aktiven Sport-Karriere nicht mehr antreten. Das ist einfach zu stressig. Nach dem Sport werde ich das Referendariat dann antreten. Da freue ich mich natürlich auch schon drauf. Auch wenn ich hoffe, dass die nächsten Jahre aber erstmal noch sportlich geprägt sind.

vereinsleben.de: Wie sehen deine Urlaubspläne in diesem Jahr aus? Vor Tokio wird’s wohl eher nichts, oder?

Niklas Kaul: Nein, vor Tokio fahre ich auf jeden Fall nicht in den Urlaub. Aber speziell das Trainingslager in Südafrika beinhaltet zwar viel Training und harte Arbeit, aber wenn man da mal einen freien Tag hat, ist es natürlich auch so ein bisschen wie Urlaub. Von daher ist das schon ganz schön. Wie es dann nach Tokio aussieht, weiß ich noch nicht genau. Aber ein paar Wochen werde ich schon an unterschiedliche Orte wegfahren. Ich brauche dann auch einfach die Zeit für mich und werde mir diese auch nehmen. Im nächsten Jahr muss ich mich dank einer Wildcard nicht für die WM qualifizieren, von daher wird es etwas entspannter sein und ich kann mir nach den Spielen mal eine längere Pause gönnen.

Niklas Kaul ist auch im Urlaub immer aktiv. Nur am Strand liegen geht für ihn gar nicht. (Bild: Niklas Kaul / privat)

vereinsleben.de: Bist du im Urlaub dann eher der Strand-Typ oder musst du auch da immer etwas unternehmen?

Niklas Kaul: Ich kann nicht mehrere Tage hintereinander nur am Strand liegen. Das geht gar nicht. Ich muss mir dann schon mal etwas angucken. Mal hier und dort unterwegs sein. Das ist für mich mehr Entspannung, wenn ich einfach nur an die Reise an sich denken kann. Aber zwei Wochen am Strand liegen und ein Buch lesen, geht wirklich gar nicht. Da wird mir todlangweilig.     

vereinsleben.de: Wenn sich Niklas Kaul drei Dinge für 2020 wünschen dürfte. Vollkommen egal was. Was wären deine Wünsche?

Niklas Kaul: Spannende Frage … Ich glaube das Erste wäre Gesundheit für mich, meine Familie, meine Trainingsgruppe und so weiter. Das ist am Ende das Wichtigste. Das Zweite ist die Ruhe, die ich dann nach den Olympischen Spielen habe. Und das Dritte ist, den theoretischen Physik II-Schein zu bestehen. Das wird nämlich auch eine lustige Aufgabe in den nächsten Wochen.

vereinsleben.de: Dann wünschen wir dir natürlich, dass alle drei Wünsche in Erfüllung gehen! Vielen Dank für das Interview.

Niklas Kaul: Vielen Dank und sehr gerne!
 

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