„Glaube, dass da viel möglich ist“

Olympiasiegerin Miriam Welte traut deutschen Athleten in Tokio einiges zu

Sportnews > Für Zwischendurch Veröffentlicht am Samstag, 17. Juli 2021

Quelle: picture alliance / picture alliance/DSM | Frank May

Miriam Welte ist eine der erfolgreichsten Bahnrad-Fahrerinnen aller Zeiten. Wir haben uns mit ihr zum großen Olympia-Interview getroffen und ausführlich mit ihr gesprochen. Unter anderem die deutschen Medaillen-Chancen und ihre Erwartungen an die Spiele in Tokio.

In wenigen Tagen beginnen die Olympischen Spiele in Tokio. Ab dem 23. Juli kämpfen tausende Athleten aus der ganzen Welt wieder um die begehrten Gold-Medaillen. Eine, die weiß, wie es sich anfühlt, bei den Spielen ganz oben auf dem Podest zu stehen, ist die ehemalige Bahnrad-Fahrerin Miriam Welte. Vor neun Jahren, bei den Olympischen Spielen 2012 in London, gewann sie gemeinsam mit ihrer Partnerin Kristina Vogel sensationell die Gold-Medaille im Teamsprint. Vier Jahre später in Rio gewann sie zudem noch einmal Bronze.

2019 ist die 34-Jährige vom aktiven Profi-Sport zurückgetreten. Seitdem widmet sie sich vielen anderen Projekten. Zum einen ihrem Beruf bei der Polizei, seit Ende 2020 aber auch ihrem Amt als Vizepräsidentin des Landessportbundes Rheinland-Pfalz, wo sie für den Bereich Spitzensport zuständig ist.

Im Vorfeld der Wettkämpfe in Tokio haben wir uns ausführlich mit den Kaiserslauterin unterhalten. Über ihre persönlichen Erfahrungen bei den Olympischen Spielen, ihre Einschätzung, wer aus deutscher Sicht für Medaillen sorgen kann, aber auch ihr neues Leben, abseits des Profisports.

Das Interview mit Miriam Welte

vereinsleben.de: Miri, wir würden am Anfang gerne ein bisschen auf deine persönlichen Erfahrungen schauen. Du bist eine wahnsinnig erfolgreiche Sportlerin gewesen, bis du 2019 deine Karriere beendet hast. Du warst selbst bei Olympia dabei. Wie war das denn für dich zum Beispiel in London, als du Gold gewonnen hast? 

Miriam Welte: Die Frage ist so schwer zu beantworten. Weil sich da bei den Olympischen Spielen in London unglaublich viel überschlagen hat. Es war natürlich grandios. Es sind wahnsinnig tolle Emotionen, auch wenn man daran zurückdenkt. Glücksmomente, die man ganz schlecht beschreiben kann, weil es in dem Moment so viel Euphorie, so viel Stolz, Glückseligkeit zusammenkam. Es war einfach unglaublich. Und dann die Atmosphäre an sich drum herum, das waren wahnsinnig schöne Spiele mit einer ganz tollen Stimmung.

vereinsleben.de: Wie ist deine Erfahrung mit Olympia generell? Du warst ja auch noch in Rio dabei, dort hast du 2016 Bronze gewonnen. Tut es dir jetzt ein bisschen weh, dass du jetzt nicht dabei bist? 

Miriam Welte: Nein, gar nicht. Ich habe mich ganz bewusst vor eineinhalb Jahren dafür entschieden. Das war elf Monate vor den Olympischen Spielen, jetzt sind es 23, denn es war vorher nicht absehbar, dass die Spiele verschoben werden. Es haben mich damals viele gefragt, warum hörst du auf, so kurz vor den Spielen? Ich habe gesagt: Weil ich alles erreicht habe. Weil ich jetzt noch gut bin und selbst entscheiden kann. Das war mir wichtig. Ich wusste, dass die jungen Mädchen wahnsinnig stark sind, von unten nachkommen und richtig drücken. Ich wollte selbst entscheiden, wann Schluss ist. Ich glaube, dass ich den perfekten Moment getroffen habe. Unsere Kandidaten, wie Emma Hinze und Lea-Sophie Friedrich, die jetzt bei den Olympischen Teamsprint starten werden, haben glaube ich fünf Monate nachdem ich aufgehört habe, bei den letzten Weltmeisterschaften vor der Zwangspause durch Corona, haben im Teamsprint Gold gewonnen und ich glaube sie gehören jetzt mit zu den Favoriten im Olympia Turnier. Deswegen kann ich sagen, ich habe alles richtig gemacht und den perfekten Zeitpunkt erwischt. Natürlich kribbelt es mit Sicherheit, wenn die Spiele losgehen. Ich glaube, das ist auch wichtig und gut so. Ich war jahrelang von ganzem Herzen Leistungssportlerin, aber es ist auch schön, auf der anderen Seite zu sitzen und einfach nur die Daumen zu drücken. 

vereinsleben.de: Beschreibe uns doch einmal das Gefühl, das man im Olympischen Dorf hat. Wir wissen, dass die Situation, als du dort warst, natürlich ohne Corona eine ganz andere war. Jetzt aktuell werden die Olympioniken das Dorf wahrscheinlich nicht häufig verlassen dürfen. Beschreibe uns doch einmal das Gefühl, was man vor Ort hat. Die Anspannung, die man vielleicht vor Ort spürt. 

Miriam Welte: Ich sage es mal so: Bevor dein Wettkampf anfängt, da gehst du auch nicht wirklich aus dem Dorf heraus. Weil du dich auf das konzentrierst, was wichtig ist. Du bist da, um deine Leistung zu bringen, um die Medaillen zu kämpfen und am Ende hoffentlich auch mit einer Medaille nach Hause zu fahren. Danach ist natürlich bei normalen Zuständen viel auch außerhalb des Dorfes möglich. Ansonsten ist es im Dorf ein sehr cooles Zusammenleben. Du hast dort super viele Athleten unterschiedlichster Nationen. Du siehst zum Beispiel beim Essen in der riesigen Mensahalle, die ungefähr so groß ist wie zwei Fußballfelder, irgendwo ein deutsches T-Shirt sitzen und setzt dich dann dazu. Und du kennst den Menschen oder den Sportler, die Sportlerin gar nicht. Dann kommt man ins Gespräch, lernt sich kennen und das ist das, was letztendlich auch das Team Deutschland ausmacht und verbindet. Dass du alle im Team kennenlernst und dann mitfieberst und sie anfeuerst und auch viel über Sportarten erfährst, wie zum Beispiel Bogenschießen oder Golf, mit denen du sonst gar nichts zu tun hast. Und du dann auch vielleicht deinen Blickwinkel auf diese Sportart veränderst.

vereinsleben.de: Aber ist das nicht etwas, was jetzt wahrscheinlich schon sehr fehlen wird? 

Miriam Welte: Ja. Ich könnte mir vorstellen, dass es auf jeden Fall sehr fehlt. Ich weiß aber aktuell nicht, wie die Bedingungen vor Ort sind, weil sich täglich etwas ändert. Momentan ist es so, dass die Sportler 48 Stunden vor dem eigentlichen Wettkampf in das Dorf dürfen und spätestens 48 Stunden nach dem Wettkampf das Dorf und Japan verlassen haben müssen. Ich weiß nicht, wie es wirklich laufen wird, wenn die Spiele angefangen haben, weil sich, wie gesagt, alles ändert. Aber ich denke, dass sie das auch durchziehen. Und da wird diese Gelassenheit und das entspannte Beisammensitzen, wie wir es erlebt haben oder ich es kenne, wahrscheinlich nicht in diesem Rahmen möglich sein.

Seite 2: Miriam Welte über die Auswirkungen der Verschiebung und die problematische Vorbereitung
Seite 3: Miriam Welte über ihr neues Leben nach dem Profisport und die Ängste der Athleten in Tokio
Seite 4: Miriam Welte über die deutschen Medaillen-Chancen in Tokio ihren „Ziehsohn“ Timo Bichler und ein Fabelwesen

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