„Das ist einfach gut“

Als Jutta Kleinschmidt in Dakar Motorsport-Geschichte schrieb

Sportnews > Für Zwischendurch Veröffentlicht am Donnerstag, 20. Januar 2022

Quelle: picture-alliance / dpa | Patrick_Hertzog

Vor 21 Jahren gelang Rennfahrerin Jutta Kleinschmidt ein historischer Erfolg. Als erste und bis heute einzige Frau gewann sie am 21. Januar 2001 die Gesamtwertung der Rallye Dakar. Wir haben uns anlässlich ihres geschichtsträchtigen Triumphs mit der heute 59-Jährigen unterhalten.

Der 21. Januar 2001 markiert einen Meilenstein in der Geschichte des Motorsports. In Dakar, der Hauptstadt des Senegals, fuhr Jutta Kleinschmidt nach kräftezehrenden 21 Tagen und über 10.000 zurückgelegten Kilometern freudestrahlend durch das Ziel der berühmt-berüchtigten Rallye Dakar. Sie war endlich am Ziel angekommen. Nicht nur am Ziel des Rennens, sondern auch an ihrem persönlichen Ziel. Denn als erste Frau überhaupt schaffte es die in Berchtesgaden aufgewachsene Kölnerin, die Gesamtwertung zu gewinnen. Ein Erfolg, der bis heute von keiner anderen Frau wiederholt werden konnte.

Dieses Jahr, 21 Jahre später, ist Kleinschmidt erneut bei der Rallye Dakar, die mittlerweile in Saudi-Arabien ausgetragen wird, dabei gewesen. Nicht als Fahrerin, sondern als Präsidentin der Cross-Country Rally Commission der FIA. Es ist eine Art nach Hause kommen. 

Anlässlich ihres historischen Erfolges haben wir uns ausführlich mit der Rallye-Ikone unterhalten. Darüber, was sie empfindet, wenn sie an ihren Erfolg zurückdenkt. Welche aus heutiger Sicht komplett abstruse Idee sie dazu gebracht hat, überhaupt an der Rallye Dakar teilzunehmen und was dieser aus ihrer Sicht benötigt, um auch in Zukunft noch die Fans begeistern zu können.

Das komplette Interview

vereinsleben.de: Jutta, vor 21 Jahren hast du als Gesamtsiegerin der Rallye Dakar Motorsportgeschichte geschrieben. Was ist das für ein Gefühl, wenn du daran zurückdenkst?

Jutta Kleinschmidt: Ich war ja aktuell bei der Dakar Rallye dabei. Und natürlich, gerade wenn man die Zieleinfahrt oder die Siegerehrung sieht, dann hat man schon wieder schöne Gefühle und denkt zurück an die Zeit. Das ist einfach gut und das sind schöne Gedanken. 

vereinsleben.de: Kannst du dich noch daran erinnern, was dir auf der letzten Etappe nach Dakar durch den Kopf gegangen ist? War das: „Oh Gott, hoffentlich geht jetzt nichts mehr schief“ oder war es pure Vorfreude? 

Jutta Kleinschmidt: Nein, es ist definitiv so, dass man große Angst hat, dass noch etwas schiefgeht. Es war eine Etappe mit Dünen zu fahren. Man kann stecken bleiben, es kann noch alles Mögliche passieren, man kann sich verfahren. Ich hatte nur einen kleinen Vorsprung von knapp drei Minuten. Und natürlich hatte ich große Angst, dass da noch etwas schiefgeht. Als ich über die Ziellinie gefahren bin, war ich dann aber sehr erleichtert. Bei diesem kleinen Abstand hatte ich auch Angst, dass ich vielleicht vom Zweiten noch eingeholt werde. Aber ich bin um mein Leben gefahren, konnte den Vorsprung ein bisschen ausbauen und war sehr erleichtert als ich über die Ziellinie gefahren bin. 

"Das sind schon schöne Erinnerungen"

vereinsleben.de: Kann man den Mythos Rallye Dakar irgendwie beschreiben? Es ist immerhin die legendärste und auch berüchtigtste Rallye der Welt. 

Jutta Kleinschmidt: Es ist einfach die schwerste, anstrengendste und längste Rallye der Welt. Gerade damals in Afrika war sie noch länger als heute. Die Etappen waren viel länger. Es sind ganz wenige Teilnehmer überhaupt angekommen. Von allen Gestarteten haben vielleicht dreißig bis vierzig Prozent das Ziel gesehen, was natürlich den Mythos ein bisschen ausmacht. Wenn man tatsächlich auch noch ganz oben auf dem Podium steht, ist das natürlich für einen selbst ein Wahnsinn. Ich habe ja ganz klein auf dem Motorrad angefangen. Alleine und ohne Mechaniker, habe mich durch alle Ebenen durchgearbeitet, bis ich dann die Möglichkeit hatte tatsächlich zu gewinnen. 

vereinsleben.de: Hast du eine Lieblingserinnerung oder eine Lieblingsanekdote von der Dakar Rallye? 

Jutta Kleinschmidt: Meine Lieblingserinnerung ist mit Sicherheit, dass ich auf dem Podium stand und gewonnen habe. Aber Anekdoten gibt es einige. Gerade auch auf dem Motorrad war es körperlich noch viel anstrengender als im Auto. Und damals war man auch noch nicht so abgesichert. Heute ist es so, dass man sehr viel für die Sicherheit tut und auch sofort jemand da ist. Wenn man sich verfährt, kann man sein GPS einschalten und weiß, wo man ist. Früher hatten wir das noch nicht mal. Wenn man sich dann auf einmal verfahren hat und überhaupt nicht mehr weiß, wohin es geht, aber weiterfährt und dann wieder Lebenszeichen irgendwo sieht, dann ist das natürlich immer ein großartiges Gefühl. Oder zum Beispiel gab es mal im Road-Book (Strecken-Verzeichnis, d.Red.) einen ausgetrockneten Fluss. Durch den starken Regen in der Nacht wurde der aber zu einem reißenden Fluss. Einige Teilnehmer haben auch versucht durchzukommen, sind aber mitsamt ihren Motorrädern und Autos weggeschwommen. Solche Sachen bleiben einem natürlich in Erinnerung. Ich habe mich da auf der einen Seite erst einmal ausgeruht und habe zum Glück die anderen vorgelassen und geguckt, was passiert. Das sind natürlich schon schöne Erinnerungen. 

vereinsleben.de: Ihr wart damals 21 Tage lang unterwegs, über zehntausend Kilometer von Paris nach Dakar. Wie muss man sich so ein Marathonrennen vorstellen? 

Jutta Kleinschmidt: Wenn man losfährt, wirkt das unheimlich lang. Deswegen habe ich da immer einen Trick gemacht, dass ich es von Tag zu Tag gesehen habe. Für mich war es immer wichtig den nächsten Tag zu schaffen, und dann weiter zu schauen. Dieses Rennen ist in Tagesetappen aufgeteilt, deswegen kann man das ganz gut machen. Jeden Tag gibt es eine Etappe, die auf Zeit geht. Dann übernachtet man in einem Biwak und am nächsten Morgen geht es sehr früh wieder los. Die Zeiten von diesen einzelnen Etappen werden zusammengezählt, und wer dann am wenigsten Zeit gebraucht hat, hat gewonnen. Das System ist der Tour de France sehr ähnlich, und es ist übrigens der gleiche Veranstalter. Insofern arbeitet man sich da von Etappe zu Etappe vor. Wenn man dann dem Ziel immer näherkommt, dann freut man sich natürlich schon. Und wenn die Platzierung dann auch noch gut ist, noch ein bisschen mehr. Aber ist sehr, sehr lang und es kann ganz viel passieren, denn die Strecke kennt man nicht. Man fährt jeden Morgen los, bekommt vom Veranstalter ein Road-Book. Bei einer Oldtimer-Rallye, falls das schon mal jemand mitgemacht hat, ist das auch so ähnlich. Man bekommt nur so ein Road-Book, mit einer Kilometerzahl, einem Bildchen in der Mitte und rechts noch einer Beschreibung. Dann muss man die Rennstrecke finden, was natürlich nicht einfach ist. Deswegen ist übrigens der Beifahrer auch sehr wichtig. Man weiß also gar nicht, was an diesem Tag auf einen zukommt. Gibt es Dünen? Verfahre ich mich? Habe ich vielleicht sogar technische Probleme, die ich beheben muss? Denn wenn es schnell gehen soll und man nicht auf den Service warten will, der erst Stunden später kommt, muss man diese auch erstmal alleine beheben. Das macht die Sache sehr interessant und spannend, weil so viele Faktoren zusammenspielen. 

Teil 2: Jutta Kleinschmidt über die Gefahren und Herausforderungen der Rallye Dakar
Teil 3: Jutta Kleinschmidt über ihre erste Begegnung mit der Rallye Dakar
Teil 4: Jutta Kleinschmidt über die zukünftigen Herausforderungen für den Motorsport 

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